Neuronale Systeme und Muskelermüdung

Bei ermüdenden Ausdauerleistungen machte man bisher Stoffwechselprozesse im Muskel als Begrenzungsfaktor aus. Eine schweizer Untersuchung konnte zeigen, dass das Gehirn eine zentrale Rolle bei der Muskelermüdung spielt.

AxelS3Aus der Praxis und Wissenschaft des Krafttrainings wissen wir, dass die Aktivierungsfähigkeit der Muskulatur durch das zentrale Nervensystem u.a. stark von der Motivation und dem Willen – also „vom Kopf“ – abhängt. Dies trifft insbesondere dann zu, wenn in Training oder Testsituationen die Ausbelastungsintensität zum Wiederholungsmaximum (WM) oder zum Punkt des momentanen Muskelversagens (PmM) führt.

In der Doktorarbeit von Lea Hilty, die im European Journal of Neuroscience veröffentlicht wurde, konnte erstmalig empirisch belegt werden, dass auch bei Ausdauerleistungen die Ermüdung durch neuronale Steuerungsmechanismen bewirkt wird. Belastungstests auf dem Fahrradergometer zeigten mit zunehmender Ermüdung eine Verringerung der Muskelaktivität. Die fortschreitende Hemmung der Muskelkontraktion konnte einer Veränderung der Kommunikation zwischen den motorischen Arealen und dem Inselcortex zugeschrieben werden.

Der Inselcortex wird nach neueren Erkenntnissen als Sitz der interozeptiven (nicht zu verwechseln mit der propriozeptiven) Wahrnehmung angenommen. Interozeption wurde früher auch als „Gemeingefühl“ beschrieben, worunter subjektive Körperempfindungen, wie z.B. das Gefühl von Wärme, Schwere, Leichtigkeit, Räumlichkeit, Übelkeit, Wohlbefinden, etc. fallen.

Welche neurophysiologischen Steuermechanismen könnte sich nun hinter der reduzierten muskulären Leistungsfähigkeit verbergen? Die Forscher geben an, dass der Insulacortex auch für die Analyse von Bedrohungen, wie Schmerzen oder Hunger verantwortlich ist. Demzufolge könnte hier das Prinzip der Bedrohungsregulation einen maßgeblichen Einfluss auf die Verringerung der muskulären Leistungsfähigkeit haben.

Konsequenzen

Letztendlich erkennen wir wieder einen Beweis für die Widersinnigkeit der No Pain-No Gain-Mentalität in der westlichen Bewegungskultur. Egal ob Freizeitkireger oder Hochleistungssportler: Jeder Aktive sollte sich in der Trainingspraxis bewusst werden, stets mit seinem Körper zu arbeiten, statt gegen ihn. Dies erfordert die Entwicklung einer sensiblen Körperwahrnehmung, die Signale seines Körpers richtig zu interpretieren und konsequent danach zu handeln. Wer seine Aufmerksamkeit jedoch ständig auf äußere Parameter, Expertenratschläge, trendige Trainingssysteme und Werbung lenkt, wird sich schwer tun die Signale seines Körpers zu verstehen.

Literatur

Lea Hilty, Nicolas Langer, Roberto Pascual-Marqui, Urs Boutellier, and Kai Lutz. Fatigue-induced increase in intracortical communication between mid ⁄anterior insular and motor cortex during cycling exercise. European Journal of Neuroscience. November 21, 2011. doi: 10.1111/j.1460-9568.2011.07909.x

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