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Spielplätze für Erwachsene

Was die Eisenklinik schon lange praktiziert, wird in Europa immer populärer: Körperliches Training auf speziellen Spielplätzen macht fit und gesund. Wo liegen die Chancen und Probleme der neuen Trimm-Dich Bewegung?

Spielplatztraining ist ein alter bekannter aus den Trainingsempfehlungen der Eisenklinik. Eine finnische Studie an Senioren zeigt das hohe Wirkungspotential von Spielplatztraining und in vielen europäischen Städten entstehen erste Spielplätze für Erwachsene.

 „Wir hören nicht auf zu spielen, weil wir alt werden. Wir werden alt, weil wir aufhören zu spielen.“ –Helen Hayes

In China gehören solche Einrichtungen schon lange zum öffentlichen Bild. Diese Art der körperlichen Ertüchtigung hat man auch bei uns zum Vorbild genommen. Mit verschiedenen Konzepten möchte man den Folgen des demografischen Wandels entgegenwirken. Der Spielplatz als öffentliche und kostenfreie Einrichtung ist eine ideale Fläche, die jederzeit von allen Bevölkerungsgruppen genutzt werden werden kann. Eine Kommune investiert damit in die Gesundheit seiner Bürger.

Einige Aspekte

  • 2050 wird es doppelt so viele ältere als jüngere Menschen geben
  • Es kommt zur Alterung und Abnahme der Bevölkerung im Erwerbsalter (2005: 50.1 Mio. – 2050: 35.5 Mio.)
  • Die Bevölkerung im Erwerbsalter wird stark durch die Älteren geprägt sein
  • Mit zunehmenden Alter kommt es auch häufiger zur Pflegebedürftigkeit
  • Steigende Kosten für das Gesundheitssystem bei sinkender Anzahl an Erwerbstätigen
100jährige in Deutschland (UN World Population Aging 1950-2050)
1964 265
1994 4.602
2000 7.200
2025 44.200
2050 114.700

spielplatz1Neue Spielplatzkonzepte zielen in der Regel auf speziell definierte Zielgruppen ab und berücksichtigen dabei Trends wie Parcour oder Skateboarding. Der gesundheitliche Nutzen wird dabei Gegenstand neuerer wissenschaftlicher Forschung. Die Rovaniemi University of Applied Sciences führte eine Untersuchung an 40 Senioren im Alter zwischen 65 und 81 Jahren durch, die über drei Monate auf einem speziellen Spielplatz mit typischen Aufgaben wie Klettern, Krabbeln, Rutschen, Wippen, und Balancieren aktiv waren. Die Wissenschaftler stellten signifikante Verbesserungen in Balance, Schnelligkeit und Koordination fest.

Die Ergebnisse haben vor allem im Hinblick auf die Angst vor Stürzen eine besondere Bedeutung, da mit steigender Angst die Bewegungsfreude abnimmt. Angst vor Bewegung hat durchaus ihre Berechtigung, denn Studien zeigen, dass statistisch zwei drittel der Bewohner von Heimen mindestens einmal im Jahr stürzen. (Mehr zu „Angst und Bewegung“ in dem Artikel zur Bedrohungsregulation). Positive Wirkungen beobachteten die Forscher auch in Bezug auf die geistige Gesundheit. So gaben die Studienteilnehmer an, sich durch das Training selbstbewusster zu fühlen, mehr Durchsetzungsvermögen zu entwickeln und insgesamt mehr Lebensenergie zu verspüren.

Generation Play

Das Modell des „Labor-Spielplatzes“ in der beschriebenen Studie wurde von der Firma Lappset, einem finnischen Hersteller von Spiel- und Lernumgebungen, konstruiert. Lappset hat in den Niederlanden, Spanien, Deutschland und England schon Projekte in verschiedenen Kommunen realisiert und darf wohl als Branchenprimus einer möglichen „Fitnesswelle“ im Stile der traditionellen Trimm-Dich Bewegung gesehen werden. Skatebahnen, Senioren- und Kinderspielplätze, Parcouranlagen und Outdoor Fitnessgeräte sind die verschiedenen Bereiche, die unterschiedliche Zielgruppen ansprechen sollen. Auch an Spielplätze für Jedermann hat man bei Lappset gedacht und in einem speziellen Konzept umgesetzt. Neben den traditionell bevorzugten Sportarten wie Wandern, Schwimmen, Gymnastik, Kegeln, Radsport, Tanzen und Jogging dürfen wir gespannt sein, ob sich derartige Konzepte in Deutschland durchsetzen können. 

Die Realität

Wer als Erwachsener in Deutschland auf Spielplätzen trainieren möchte lebt jedenfalls gefährlich. Verbote und Verordnungen schließen jeden Trainingswilligen über 14 Jahren einfach von den verlockenden „Fitnessgeräten“ aus. Wenn der Bewegungsdrang dennoch über das Rechtsbewusstsein siegt, setzt man sich ganz anderen Gefahren aus. Viele Spielplätze befinden sich in der Nähe von Schulen und Kindergärten. Was denken engagierte Mütter wohl, wenn ein Einzelner oder eine Gruppe von Kerlen auf dem Spielplatz eine Trainingseinheit absolviert? Wenn es das Wetter zulässt, natürlich mit freiem Oberkörper!

Variante A

Ein Hausmeister wird voran geschickt (die Damen bleiben im Hintergrund), der versucht die Bedenken der Eltern zu vermitteln, das Klimmzüge und Liegestütze dem Nachwuchs ein schlechtes Vorbild sein können. Wir erklären: Klimmzüge und Liegestütze sind nur ein Vorwand, um noch ganz andere Dinge auf dem Spielplatz zu treiben und sie anschließend ins Internet zu stellen…wir meinen damit das Training mit Kugelhantel und Slingtrainern, die sich ideal auf Spielplätzen machen.

Variante B

Lehrer oder Eltern trauen sich selbst an den Trainingswilligen heranzutreten, allerdings nur mit dem (kräftig gebauten) Hausmeister im Schlepptau. Hätte ich früher gewusst, welche einschüchternde Wirkungen Kniebeugen und Dips haben, hätte ich so manchem Türsteher auf elegante Weise gezeigt wo der Hammer hängt. 

spielplatz2Jeder Erwachsene kennt Klimmzüge, Liegestütze und Kniebeugen. Es ist also völlig offensichtlich, warum man sich als Sportler auf einem Spielplatz aufhält. Es gibt auch keinen rationalen Grund, warum der Spielplatzsportler für Kinder eine größere Gefahr darstellen sollte als der Nachbar, der Vereinstrainer, der Postbote oder der eigene Vater. Kinder sind völlig unvoreingenommen und neugierig, weshalb ein sportlich aktiver Erwachsener auf dem Spielplatz sofort ihr Interesse weckt, weil es in Deutschland unüblich ist, dass sich Erwachsene auf Spielplätzen körperlich betätigen. Kinder wollen lernen, Kinder fragen, Kinder wollen sich bewegen, Kinder ahmen nach. Ein Kontakt ist also unvermeidlich, selbst wenn man sich bewusst passiv und distanziert verhält.

Paradoxerweise sitzen Eltern oder Lehrer auf Spielplätzen meist bequem auf der Bank, damit man schon mal ein Vorbild für den zukünftigen passiven Lebensstil abgibt. Anschließend geht es ins Fitnessstudio, wo die Kinder praktischerweise an der Kinderbetreuung abgegeben werden, um dann ins trendige Workout einzusteigen. Das Wort „umständlich“ und das Wort „Zeitmangel“ erhält vor diesem Hintergrund eine völlig neue Bedeutung! Das die Effektivität des Fitness-Trainings im Studio kaum auszureichen scheint, um mit den Kindern auf dem Klettergerüst mitzuhalten, sollte eher zum Nachdenken anregen, als Vorurteile über Sportler auf Spielplätzen zu hegen.

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