Warum Wissenschaft nicht Wissen schafft

Erlaubt das Rezitieren einer Studienlage Handlungsempfehlungen für die Praxis abzuleiten?

Im Zeitalter des Informationsoverloads scheinen wissenschaftliche Quellen die letzte Bastion qualitätsgesicherter Inhalte rund um das sportliche Training zu sein. Auf Kongressen oder in Fachartikeln erlebe ich häufig, dass auf Basis der Lektüre wissenschaftlicher Forschungsartikel Handlungsempfehlungen für die Praxis abgeleitet werden. Das Interessante dabei ist, dass diese Leute meistens selbst über keine eigenen hinreichenden praktischen Erfahrungen oder Daten auf diesem Gebiet haben. Der “Experte” tritt in diesem konkreten Fall als Präsentator von akademischem Second-Hand-Wissen auf.

Nach Ansicht des Philosophen Karl Popper, solle man Wissenschaft nicht so ernst nehmen, wie sie sich anhört.

Dabei funktioniert auch die Wissenschafts-Community mittlerweile nach den Prinzipien von sozialen Netzwerken, mit all’ ihren typischen Phänomenen, wie Inflationierung und Zeitnot. Die heutige Wissenschaft schafft nicht Wissen, sondern Publikationen. Nicht umsonst gilt in der Wissenschafts-Community die Devise “publizieren oder untergehen”. Seitens der Forscher ist dies sicherlich nicht gewollt, sie müssen die Spielregeln des Systems befolgen, wenn sie eine Kariere in der Wissenschaft anstreben.

Mit jedem wissenschaftlichen Hype um einen Sachverhalt aus dem Bereich Training stelle ich fest: Je größer die Anzahl an Forschungsartikeln zu einem Thema, umso geringer die Anzahl an neuen Erkenntnissen. Aus diesem Grund lese ich heute weitaus weniger aktuelle Forschungsartikel als noch vor 25 Jahren. Ich habe festgestellt, dass eine solche Informationsdiät das eigene Denken enorm schärfen kann, zumal fleißige Forscher aus ihren Daten fast alles herauslesen können.

Dekonstruktion von Forschungsartikeln

Manchmal kann es notwendig werden sich mit einer Studie beschäftigen zu müssen. Um den Wert angemessen beurteilen zu können, habe ich mir ein einfaches Lektüre- und Analyseverfahren von wissenschaftlichen Texten angeeignet:

Zuerst lese ich das Abstrakt bzw. die Zusammenfassung. Wenn ich der Meinung bin der Inhalt ist relevant für mich, gehe ich weiter und lese die Methodik. Die Grundlage einer guten Methodik ist die Formulierung einer sinnvollen Forschungsfrage. Wenn die Forschungsfrage sinnvoll ist und die Methodik einwandfrei begründet ist, schaue ich mir die Ergebnisse an. Wenn die Ergebnisse überzeugend sind, stelle ich mir die Frage ob sie einen praktischen Nutzen für mich haben. Hier kommt häufig der Knackpunkt:

Der Akademiker lebt in Mediokristan

Studien über Trainingsmethoden sind problematisch. Bei einer Trainingsstudie beziehen sich die Trainingswirkungen sehr spezifisch auf die Testpopulation, z.B Sportstudenten. Die Übertragbarkeit der Ergebnisse auf andere Testpopulationen (z.B. Leistungssportler) kann sehr begrenzt sein. Der praktische Mehrwert von Trainingsstudien ist zudem dadurch eingeschränkt, dass die Ergebnisangaben meistens nur als statistische Werte, die auf Normalverteilungen, Mittelwerten und Standardabweichungen basieren, gezeigt werden.

Ein Mittelwert repräsentiert aber kein reales Individuum. Für welchen Sportler kann ein Mittelwert ein Maßstab sein? Ist Leistungssport der Raum für das Mittelmaß? Als Trainer interessiert mich genau die unterschiedliche Reaktion jedes einzelnen Individuums, denn in der Praxis können die Reaktionen auf das selbe Trainingsprogramm extrem abweichen. Das ist die Grundlage, warum jeder ein individuelles Trainingsprogramm benötigt. Aus dieser Sicht ist jeder Mensch überdurchschnittlich: Überdurchschnittlich individuell.

Der Praktiker lebt in Extremistan

Wenn man es mit Extremen, wie Hochleistungssportlern zu tun hat, ist dieser Übertrag sogar noch weniger gegeben, weil man es sich hierbei um genetische Freaks handelt, die eine vollkommen andere Trainierbarkeit und Anpassungsfähigkeit auf spezifische Trainingsreize haben. Deswegen scheint es aus der Sicht des Praktikers ziemlich uninteressant Ergebnisse aus Mediokristan auf Extremistan zu übertragen. Das selbe gilt für Ältere, Kinder oder Kranke. Aus dieser Sicht ist jeder Mensch extrem: Extrem individuell.

Aber wer oder was ist schon der durchschnittliche Normalo? Autor Todd Rose bemerkt in seinem Werk “The End of Average”, dass Forschungsergebnisse nur dann auf alle übertragbar seien, wenn wir alle eingefrorene Klone wären. Genetisch identisch und unveränderlich. Was bleibt ist die alte Erkenntnis: Ein Trainingsprogramm kann positive, negative oder gar keine Wirkungen haben. Daher sollten wir Forschungsartikeln immer kritisch gegenüberstehen, so wie wir eigentlich jedem Produkt kritisch gegenüberstehen sollten.

Wissenschaft hinkt der Praxis hinterher

Wer beispielsweise ein gutes Gefühl für die Zusammenstellung von Krafttrainingsprogrammen hat, kann über Forschungsartikel möglicherweise eine Bestätigung finden. Aber Forschung kann nicht alles erfassen was ein erfahrener Trainer in der Praxis weiß und was für wen funktioniert. Man kann alle Bücher über Trainingsplanung gelesen haben, es ist auf diese Weise nicht möglich das Gefühl und die Intuition eines erfahrenen Trainers zu erwerben. Das geht nur durch eine jahrelange eigene Praxis. Die empirische Praxis basiert auf einer reflektierten Versuch und Irrtum Methode.

“Eine Praxis ohne Theorie ist immer wirksamer als eine Theorie ohne Praxis.”

Ich habe viele international erfolgreiche Trainer kennengelernt und jeder ist auf diese Weise zu seiner Methodik gekommen. Sie haben irgendwann die selben Gesetze des Trainings gefunden, vielleicht mit anderen Terminologien benannt, aber die Gesetze bleiben die selben. Das bedeutet nicht, dass die erfolgreiche Praxis von willkürlichem Herumprobieren geprägt ist. Ein systematisches Vorgehen ist auch hier von höchster Bedeutung, wenn Erfolge nicht als Zufallsprodukt enden sollen. Die Wissenschaft hinkt der Praxis zeitlich aber immer hinterher, denn sie kann nur das untersuchen, was Praktiker im Training bereits tun.

Bestätigung finden

Wissenschaft hat natürlich ihren Platz im Sport. Trainingsstudien können dem Praktiker helfen Intuitionen zu validieren und zu erweitern. Aus der Praxis gewonnene Erkenntnisse können in sinnvollen Forschungsfragen weiter auf den Grund gegangen werden, denn das Optimum ist eine wissenschaftlich fundierte Praxis. Beide müssen zusammenpassen.

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