luksch2

Parkour, die neue Bewegungskultur

Parkour ist Trend, besonders bei Jugendlichen. Seit dem Auftritt der spektakulären Parkour-Szenen in James Bond „Casino Royale“ ist dieser Sport auch den meisten Laien ein Begriff. Wir haben einen der erfahrensten Parkour-Athleten in Deutschland, den Sportwissenschaftler Markus Luksch zu diesem Thema befragt.

Mit seinem Tracers Blackbook hat Markus ein Grundlagenwerk für Einsteiger und Fortgeschrittene zu verschiedenen Parkour-Techniken geschrieben. Neben Sportwissenschaften hat er biologische Anthropologie, Philosophie und Geographie in Mainz und Freiburg studiert und das gymnasiale Lehramt für Sport in Kassel abgeschlossen. In den USA hat er eine Vielzahl international angesehener Athletikausbildungen abgeschlossen:

Worum geht es beim Parkour?

Parkour ist eine konkurrenz- und wettkampflose Bewegungskultur, bei der es um die effiziente Überwindung von Hindernissen ohne Hilfsmittel geht. Im Training geht es jedoch vornehmlich um die Freude an Bewegung, auch wenn der Hintergrund sehr ernsthaft ist. Der Rote Faden dabei sind Spielformen die ein effizientes Überwinden von Hindernissen ermöglichen und die verbesserte Wahrnehmen von Pfade in der eigenen Umwelt.

Was ist der Unterschied zum Freerunning?

Im Gegensatz zum Freerunning ist die effiziente Überwindung von Hindernissen vorrangig. Es geht um das effiziente Wahrnehmen und Beschreiten von Wegen die in ernsthaften Realsituationen das Überleben sichern, oder weniger dramatisch, die Eigen- und Fremdsicherung verbessern sollen.Das Training hierfür folgt stärker dem roten Faden, des Flucht- oder Verfolgungsgedankens, bei dem man alle unnötigen Bewegungen weg lässt. Das Freerunning welches als Begriff auf Sebastien Foucan (Anm. d. Red.: Gejagter bei der Fluchtszene aus Casino Royale) zurückgeht, ist tendenziell offener in dieser Auslegung, sowie auch für den Wettkampf- und Konkurrenzgedanken.

Neben dem eigentlichen Training, steht hinter der Parkour-Idee die Vermittlung bestimmter Werte und Verhaltensweisen. Was sind die drei Wichtigsten?

Ich halte die Aneignung einer realistischen Selbsteinschätzung und den damit verbundenen Nachhaltigkeitsgedanken für wesentlich. Weiter ist ein respekt- und verantwortungsvolles Verhalten nicht nur gegenüber sich selbst sondern auch den Nächsten sehr wichtig. Parkour findet im öffentlichen Raum statt. Wir teilen uns folglich unsere “Trainingsfläche” mit anderen Personen und bringen den Respekt, die Toleranz und Wertschätzung mit, welche wir auch von den Leuten um uns erwarten.

Du hast mit dem Tracers Blackbook ein Standardwerk zum Parkour geschrieben. Was stellst du darin vor?

Tracers Blackbook wird zu Beginn auf die schon angesprochenen Themen Sicherheit, Nachhaltigkeit und Effizienz eingegangen; sie bilden Kernpunkte zum Verständnis der Bewegungskultur. In der Folge werden einige Biomechanische Prinzipien reduziert und verständlich über Parkour illustriert. Im Hauptteil werden Techniken aus dem Parkour vorgestellt und beschrieben. Es handelt sich um ein Buch, über das man ein Grundverständnis zum Parkour entwickeln kann.

Wie beurteilst du die zahlreichen Parkourclips auf Youtube?

Es gibt damals wie heute nur eine Handvoll wirklich guter Parkourclips auf youtube, zumindest im zahlenmäßigen Verhältnis gesehen. Viele Clips geben ein verzerrtes Bild von Parkour, jedoch auch von den verwandten Bewegungskulturen wie Freerunning und „Art Du Deplacement“. Keine dieser Spielformen begrüßt rücksichtsloses, selbst- und fremdgefährdendes Verhalten, wie es häufig in den Videos gezeigt wird. Leider sind solche Beiträge aufgrund ihres dramatischen Charakters recht beliebt und hinterlassen falsche Eindrücke. Mit etwas gesunden Menschenverstand und der Auseinandersetzung mit der Materie, ist es möglich solche Videos einzuschätzen sowie differenzierte Schlüsse zu ziehen. Dann kann man sich zurück lehnen und die besseren Videos genießen.

Was sind die drei häufigsten Fehler, die Einsteiger im Parkour machen?

Zu schnell, zu hoch, zu unkontrolliert. Die Basics werden zu schnell oder gar nicht durchlaufen und der körperlichen wie auch mentalen Anpassung an diese Belastungsform wird keine Rechnung getragen.

Eine oft vernommene Kritik am Parkour ist das Verletzungsrisiko

Das Verletzungsrisiko ist überall dort gegeben wo man sich bewegt, Parkour bildet da keine Ausnahme. Da es kein Kontaktsport ist, treten Verletzungen beim Parkour auf, wenn man nicht konzentriert bei der Sache ist und seine Ressourcen falsch einschätzt. Auch kann die nicht ausreichende Erkundung und Sicherung eines Trainingsgebietes zu Verletzungen führen, Faktoren, die man mit etwas Gründlichkeit umgehen kann.

Die Parkour-Bewegung ist ja noch recht jung. Wie beurteilst du als Sportwissenschaftler das Potential für Sportschäden? Könnte man Parkour überhaupt aus Gesundheitsmotiven betreiben?

Ja, Parkour kann man machen, ohne von Sportschäden betroffen zu werden. Die oben von mir angesprochenen Punkte tragen da zu einen gutem Teil bei. Zudem ist entscheidend, auf die Signale des Körpers zu hören, dieser meldet sich meist frühzeitig, wenn es nicht passt. Dennoch halte ich das Potential für Sportschäden als klar gegeben, da wir draußen und auf festem Untergrund trainieren. Ich beobachte, dass aufgrund unzureichender Vorbereitung und nicht nachhaltig gedachten Trainingsmindset diverse Überlastungsphänomene auftreten. Parkour ist ein Prozess bei dem man sich selbst kennenlernen muss und seine Ressourcen schrittweise ausbaut. Manche Leute wollen zu schnell zu viel. Leider auch eine Tatsache, die durch die einige Videos verstärkt wird. Dennoch kann man mit einer durchdachten und auf Erfahrung basierten Trainingsmethodik, solider Gruppenkenntnis und -dynamik solchen Phänomenen vorbeugen.

luksch2Wenn wir Parkour aus sportwissenschaftlicher Sicht betrachten: Welche Anforderungen werden an den Traceur gestellt?

Einen Körper auf die Belastungen vorzubereiten erfordern ein progressives und regelmäßiges Vorgehen im Trainingsprozess. Es erfordert reflektiertes und bewusstes auseinandersetzen mit sich und seinen Grenzen, sowie eine gesunde Selbst- und Umweltwahrnehmung. Was sich jetzt anhört wie ein Vortrag von Mister Miyagi ist wirklich entscheidend und wichtig für ein gesundes Parkour, aber generell auch für alles andere Sport treiben und Bewegen.

Welche Rolle spielt Krafttraining im Parkour?

Parkour an sich ist schon ein Krafttraining und es gibt parkourtypische BWE, wie Treppensprünge und Quatropedallaufen usw. Ich halte diese für wichtig um die nötigen Anpassungen im Körper vorzunehmen und sich selbst besser einzuschätzen. Nebenbei werden Kraftausdauerprogramme beim Parkour auch als Durchhaltetrainings, also mentale Schulung genutzt, z.B bei der Hellnight.

Macht Krafttraining mit der Langhantel, z.B. Kreuzheben oder Kniebeugen, für den Traceur Sinn?

Traceure arbeiten mit ihrem Körpergewicht worüber sie gute Trainingsergebnisse erzielen, da sie ihre Bewegungen einem ständig wechselndem Umfeld anpassen müssen. Parkour ist vielseitig, abwechslungsreich und die BWE dieser Bewegungskultur sind gut auf die Mittelkörperspannung, Stützkraft und die exzentrischen Belastungen angepasst. Traceure sind häufig aber genauso von den zivilisatorischen Fehlhaltungen betroffen, wie der Großteil der Bevölkerung.

Verkürzte Hüftbeuger und schlecht funktionierende Hüftstrecker sind solch ein auftretendes Phänomen, welches sich häufig gut mit Lastentraining beheben lässt. Ich finde deshalb, dass jeder Mensch das Kreuzheben trainieren sollte, da es diesen Mangel ausgleichen bzw. Flexionsmustern vorbeugen kann.

Aus dem Leistungsaspekt gesehen, kann man seine Sprungkraft durch richtiges und gut transferiertes Langhantel oder Kettlebelltraining steigern, was sicher für Traceure Interessant ist, die bei ihren Sprüngen ein Plateau erreicht haben und dies durchbrechen wollen.

Wo siehst du in der aktuellen Trainingsmethodik des Parkour noch Verbesserungspotential?

Überall! Es handelt sich um eine junge Trainingskultur, die sich noch erforscht, aber offen und aktiv neue Ansätze testet und integriert. Bei ParkourONE haben wir mit der Evaluation und Integration diverser Ansätze die Trainingseinheiten wirklich gut vorangebracht. Die Einheiten sind Wirkungsvoller, Sicherer, und Gruppen-bildender, also im Besten Sinne von Parkour effizienter geworden.

Im Parkour verstecken sich viele Übungen mit dem eigenen Körpergewicht. Welchen Mehrwert kann Parkour gegenüber repetitiven Körpergewichtsübungen, wie Klimmzügen oder Liegestützen haben?

Es ist abwechslungsreicher und weniger stur repetitiv. Es hat dadurch fast einen GTG ( Grease the Groove) Charakter. Es ist zudem noch mehr auf den Ganzen Körper angelegt und die wechselnden Bedingungen bieten ein umfassenderes Training. Ich habe mehr Freude daran als nur Klimmzüge und Handstand push ups zu machen, wobei die jedoch auch als GTG auf meinem Programm stehen.

Vielleicht eine etwas philosophische Frage: Woran liegt es, dass sich fast nur Jugendliche und kaum Erwachsene von Parkour angezogen fühlen?

Das kann ich nicht beantworten, da gibt es einige Gründe die mir einfallen, ich aber nicht spekulieren möchte. Ich sehe keinen Grund, nicht auch in höherem Alter mit Parkour zu beginnen. Es orientiert sich an den eigenen Ressourcen und sieht dann vielleicht nicht mehr so aus wie in den Youtube Videos. Doch es ist eine hervorragende Wahrnehmungs-, und Körperschulung, die in ihrer positiven Wirkung weit jenseits der konventionellen Anbieter liegt.

Die Lösung für diese Probleme liegen jedoch auf der Straße

Welches Potential und welche Gefahren siehst Du für die zukünftige Entwicklung von Parkour? Könntest Du Dir eine moderne „Volks-Fitnessbewegung“ vorstellen?

Eine Gefahr wäre ein abkommen der Werte, wie sie im Parkour hochgehalten werden. Ohne Toleranz, gegenseitigem Respekt und ein nachhaltiges Trainieren würde die Akzeptanz in der Öffentlichkeit sinken und die Ausführung immer schwieriger machen. Wie schon erwähnt teilen wir uns den öffentlichen Raum und nutzen ihn unkonventionell, das erfordert Aufklärung und vor allem ein respektvolles Auftreten.

Unsere Zivilisation hat uns mit Straßen, Aufzügen und Transportmitteln die Herausforderung der Mobilität genommen, bzw. neue geschaffen. Das hat auch zu „degenerativen Veränderungen“ geführt. Die Lösung für diese Probleme liegen jedoch auf der Straße, überall bieten sich unzählige Möglichkeiten des Trainings im Alltag. Das Balancieren auf Rasenkantensteinen, kleine Präzisionssprüngen von A nach B, den täglichen Weg mal anderes gehen und bewusster Wahrnehmen.

„Das macht man nicht mehr als Erwachsener“, heißt nichts anderes als sich zunehmend seiner körperlichen Möglichkeiten zu berauben

Das erfordert über „seinen Schatten zu springen“ und sich jenseits des konventionellen Bildes kleine Bewegungsaufgaben zu stellen. Das bedeutet im Umkehrschluss, sich freier und vielfältiger zu bewegen. „Das macht man nicht mehr als Erwachsener“, heißt nichts anderes als sich zunehmend seiner körperlichen Möglichkeiten zu berauben. Es würde mich freuen zu sehen, wenn nicht nur Kinder, sondern jeder von uns sich wieder den Raum nimmt auch unabhängig von kommerziellen oder Vereinsangeboten den Alltag als Bewegungskultur vielfältig zu gestalten.

Vielen Dank!

Vor unserem Interview habe ich unter der Anleitung von Markus meinen Bewegungshorizont in zwei Praxiseinheiten erweitert (Siehe Video). Mein persönlicher Eindruck vom Parkour: Vor allem hat mich der kreative Umgang mit der urbanen Umwelt beeindruckt. Der Begriff „funktionelles Training“ bekommt unter den Möglichkeiten des Parkour eine völlig neue Dimension. Krafttraining mit dem eigenen Körpergewicht oder „Bodyweight Training“ ist im Vergleich dazu weitaus weniger komplex. Da diese Philosophie nicht nur das Training in den Vordergrund stellt, sondern auch die Entwicklung von Persönlichkeitsmerkmalen und pädagogische Aspekte beinhaltet, erhält Parkour das Eisenklinik-Gütesiegel „Offizielles Training einer besseren Welt“.

Kommentar verfassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

*