Die Matrix, die niemand verlässt

Wir haben bereits gesehen, dass die Grenze zwischen Simulation und Wirklichkeit brüchiger ist, als sie zunächst scheint – ob im Holodeck, das seine Insassen nicht als Konstruktion erkennen lässt, oder in einem Bewusstsein, das Wirklichkeit erst durch Erinnerung und Deutung erzeugt.

Kaum ein Film hat dieses Paradoxon jedoch so nachhaltig ins öffentliche Bewusstsein gebracht wie The Matrix. „Rote Pille“ und „aufwachen“ sind zu festen Bestandteilen öffentlicher Debatten geworden – vor allem dort, wo Menschen ihre Abkehr von etablierten Deutungen der Wirklichkeit beschreiben wollen. Wer glaubt, Manipulationen der Medien oder der Politik durchschaut zu haben, greift gerne auf diese Metapher zurück: Man sei „aufgewacht“, habe die Matrix verlassen und blicke nun auf die Dinge, wie sie wirklich sind.

Dieser Essay geht der Frage nach, ob diese Metapher hält, was sie verspricht. Die These lautet: Sie tut es nicht – und zwar aus einem Grund, der bereits im Film selbst angelegt ist, dort aber übersehen wird.

1. Der Denkfehler von The Matrix

The Matrix stellt eine radikale Frage und beantwortet sie auf erstaunlich konventionelle Weise. Der Film entlarvt Neos bisherige Welt als künstlich erzeugte Wirklichkeit – behauptet zugleich aber, hinter dieser Täuschung liege die wirkliche Welt. Genau darin liegt sein erkenntnistheoretischer Denkfehler: Er bezweifelt die Wirklichkeit des einen Systems und gewährt dem anderen ohne Weiteres den Status objektiver Wahrheit.

Die These dieses Essays lautet deshalb: Neo erwacht nicht aus einer konstruierten Wirklichkeit. Er erwacht in eine andere.

Denn warum sollte ausgerechnet die Welt, die Morpheus ihm zeigt, nicht ebenfalls eine Konstruktion sein – wenn auch eine anders beschaffene?

Damit ist nicht die populäre Spekulation gemeint, auch Zion könne eine weitere Computersimulation sein. Der Einwand liegt tiefer: Selbst wenn Zion innerhalb der Filmhandlung physisch real ist, bleibt es Neo nur durch Wahrnehmungen, Begriffe und die Erklärungen anderer zugänglich. Er kann die Matrix verlassen. Die Bedingungen, unter denen ihm überhaupt etwas als wirklich erscheint, verlässt er nicht.

2. Watzlawick als Schlüssel zum Denkfehler

Paul Watzlawicks konstruktivistischer Ansatz liefert den Schlüssel zu diesem Widerspruch. Wirklichkeit wird demnach nicht als fertige Ordnung vorgefunden, sondern durch Wahrnehmung, Sprache und Deutung hervorgebracht. Das bestreitet nicht die Existenz einer Außenwelt. Bestritten wird etwas anderes: die Möglichkeit, diese Außenwelt unabhängig von den Bedingungen ihrer Beobachtung zu erkennen.

Die rote Pille kann Neo aus einer bestimmten Täuschungsordnung lösen. Einen Standpunkt außerhalb jeder Wahrnehmung und Deutung verschafft sie ihm nicht.

3. Die rote Pille: Wahrheit oder Systemwechsel?

Morpheus präsentiert Neo die Wahl zwischen Wahrheit und Täuschung. Die blaue Pille steht für die Fortsetzung seiner bisherigen Wirklichkeit, die rote für deren Aufdeckung. Diese Gegenüberstellung setzt jedoch bereits voraus, was erst zu beweisen wäre: dass Morpheus die Wahrheit kennt und Zugang zu ihr eröffnen kann.

Die rote Pille transportiert Neo nicht von der Unwahrheit zur Wahrheit. Sie macht seine bisherige Wirklichkeit unhaltbar – und zwingt ihn, ein anderes Deutungssystem anzunehmen.

4. Morpheus als Befreier und Konstrukteur

Nach seinem Erwachen kann Neo das Erlebte nicht selbstständig einordnen. Erst Morpheus liefert die Begriffe, Erklärungen und historischen Zusammenhänge, durch die seine Wahrnehmungen überhaupt verständlich werden. Morpheus befreit Neo daher nicht nur aus einer Wirklichkeitsordnung. Er führt ihn zugleich in eine neue ein.

Der Film zeigt diesen Vorgang mit bemerkenswerter Konsequenz: Morpheus erklärt Neo die Matrix, das Trainingsprogramm vermittelt neue Regeln, die Besatzung bestätigt Morpheus’ Darstellung, das Orakel weist Neo schließlich eine Rolle innerhalb dieser neuen Wirklichkeit zu.

Daraus folgt nicht, dass Morpheus lügt oder seine Erklärung falsch ist. Es folgt nur: Neo kann sie nicht von einem Standpunkt außerhalb aller Deutungen überprüfen.

5. Konsens und Viabilität

Damit lässt sich erklären, warum sowohl die Matrix als auch die Welt des Widerstands als wirklich erfahren werden. Eine Wirklichkeitskonstruktion wird nicht schon dadurch stabil, dass sie geteilt wird. Sie muss sich zugleich bewähren. Der konstruktivistische Begriff der Viabilität beschreibt genau das: Eine Deutung ordnet Erfahrungen, ermöglicht Orientierung und lässt erfolgreiches Handeln zu. Konsens wiederum stabilisiert diese Deutung sozial, indem andere dieselben Regeln, Begriffe und Erwartungen bestätigen.

Viabilität erklärt, warum eine Wirklichkeitskonstruktion funktioniert. Konsens erklärt, wie sie gesellschaftlich verbindlich wird.

Die Matrix ist für ihre Bewohner viabel, weil sie einen konsistenten Alltag ermöglicht. Die Welt des Widerstands wird für Neo viabel, weil sie seine verstörenden Erfahrungen erklärt und ihm neue Handlungsmöglichkeiten eröffnet. Ihre soziale Bestätigung erhält sie durch Morpheus und dessen Gemeinschaft.

6. Zwei Welten, zwei Autoritäten

Neo tauscht nicht einfach eine Welt gegen eine andere. Er wechselt auch die Instanzen, denen er bei der Deutung seiner Erfahrungen vertraut. An die Stelle der Autoritäten innerhalb der Matrix treten Morpheus, das Orakel und die Gemeinschaft des Widerstands.

Der Wechsel der Autorität ist nicht die Überwindung von Autorität. Und die Ablehnung eines etablierten Deutungssystems beweist noch nicht die Wahrheit des alternativen.

7. Die moderne Rede vom „Aufwachen“

Im Internet wird die Matrix-Metapher häufig bemüht, um die eigene Abkehr von etablierten politischen oder medialen Deutungen als „Erwachen“ zu beschreiben. Wer Manipulationen, Interessen oder Auslassungen etablierter Akteure erkannt zu haben glaubt, betrachtet alternative Informationsquellen bisweilen als Weg aus der Matrix.

Doch auch alternative Medien wählen Informationen aus, setzen Schwerpunkte, erzeugen Zusammenhänge und arbeiten mit eigenen Deutungsmustern. Der Verdacht, etablierte Akteure könnten Wirklichkeit im Sinne eigener Interessen rahmen, begründet noch keinen privilegierten Wahrheitsanspruch ihrer Gegenspieler.

Wer eine Matrix durchschaut, hat damit nicht die Konstruiertheit der eigenen Gegenwirklichkeit überwunden.

8. Fazit: Die eigentliche Bedeutung des Erwachens

Watzlawicks Ansatz kehrt die übliche Matrix-Metapher um. Erwachen bedeutet nicht, einen voraussetzungslosen Zugang zur objektiven Wirklichkeit zu gewinnen. Es bedeutet zunächst nur, die Selbstverständlichkeit einer bestimmten Wirklichkeitsordnung zu verlieren. Darauf kann kritische Reflexion folgen – ebenso gut aber die unkritische Übernahme einer neuen Ordnung.

Wirklich „aufgewacht“ wäre demnach nicht, wer behauptet, die Matrix verlassen zu haben, sondern wer auch die Wirklichkeit kritisch befragt, in der er nach seinem vermeintlichen Erwachen angekommen ist.