Die Stunde des Experten

Wir sind eine Gesellschaft der Experten-Gläubigen. Ehe wir uns dem eigenständigen Denken hingeben, fragen wir lieber den Experten, denn der Experte irrt nie. Wann hat man je gehört, dass ein Experte zugibt, er habe eine Sache falsch eingeschätzt? Mit dem Vertrauen in Experten können wir nichts falsch machen und wenn doch, die Verantwortung haben wir ja auf den Experten abgeschoben.

Dream Team: Der Experte und die Ideologie

Gerade in der Sport- und Gesundheitsbranche sind Experten in Verbindung mit bestimmten (Trainings-/ bzw. Ernährungs-) Ideologien anzutreffen. Der Begriff Ideologie setzt sich der „Idee“ und der „-ologie“ zusammen. Dort wo „-ologie“ auftaucht, können wir ableiten, dass es sich dabei um eine Wissenschaftsdisziplin oder eine Lehre handelt, wie z.B. Biologie, Soziologie, Physiologie, usw. Analog bezeichnet die Ideologie also die Lehre von einer Idee. Diese Idee gibt bestimmte Werte und Regeln vor, nach denen gehandelt werden soll, egal was kommt. Eine Ideologie neigt dazu, die von ihr geschaffenen Werte und Aussagen, hinweg über Fakten, Tatsachen, empirisch erbrachte Nachweise, die Realität, oder auch die Vernunft zu setzen. Die Ideologie ist ein machtvolles Instrument, um einen irrationalen Glauben zu verbreiten. Bei dem von Erich Fromm geprägten Begriff des irrationalen Glaubens, wird etwas als wahr angesehen, weil eine Autorität oder die Mehrheit es sagt. Die Experten-Hörigkeit spielt nicht zuletzt deswegen eine so große Rolle, weil Experten einfache, oder zumindest gut nachvollziehbare (aber auch nicht zu einfache) Antworten auf bestimmte Sachverhalte anbieten.

Verantwortung abschieben: Outsourcing

Die Faulheit sich selbst um die Wahrheit zu kümmern oder den eigenen Verstand zu benutzen spielt eine entscheidende Rolle für die Experten-Gläubigkeit. Immanuel Kant hat es vor über 200 Jahren bereits in seinem Aufsatz „Was ist Aufklärung“ trefflich beschrieben: „Faulheit und Feigheit sind die Ursachen, warum ein so großer Teil der Menschen, nachdem sie die Natur längst von fremder Leitung freigesprochen, dennoch gerne zeitlebens unmündig bleiben; und warum es anderen so leicht wird, sich zu deren Vormündern aufzuwerfen. Es ist so bequem, unmündig zu sein. Habe ich ein Buch, das für mich Verstand hat, einen Seelsorger, der für mich Gewissen hat, einen Arzt, der für mich die Diät beurteilt usw., so brauche ich mich ja nicht selbst zu bemühen.“ Nach dem Soziologen Heinemann (2007) ist menschliches Handeln durch Instinktarmut gekennzeichnet. Dem Menschen fehlt die Instinktsicherheit des Tieres und daher sucht sich er sich Experten, die ihm seine Entscheidungen abnehmen. Der Experte fungiert dabei als Institution, die der Philosoph Arnold Gehlen (1961) als ein Entlastungssystem ansieht.

Wie wird man zum Experten?

Die Hauptqualifikation eines Experten besteht darin, dass er in der Öffentlichkeit von sich reden macht. Durch das Internet ist dies heute einfacher denn je, man ernennt sich einfach selbst zum Experten, redet über die zahlreichen Medienformate drauf los und findet schnell Anhänger, denn die Orientierungslosigkeit – gerade junger Menschen und solcher mit einer geringen Bildung – spielt die Leichtgläubigen dem selbsternannten Experten geradezu in die Hände. Das unendliche Selbstbewusstsein, mit dem derartige Gurus dabei auftreten, ermöglicht es ihnen, selbst den größten Schwachsinn glaubhaft weiterzuverbreiten.

Der Glaube an die eigene Genialität

Eine Grundlage dafür ist der sogenannte Dunning-Kruger Effekt, der eine eingebildete Überlegenheit bei gleichzeitiger Inkompetenz beschreibt. Ein absoluter Vollidiot kann danach gar nicht erkennen, dass er ein solcher ist, weil ihm die nötigen intellektuellen Fähigkeiten dafür fehlen. Er muss folglich absolut von sich überzeugt sein, alles richtig zu machen. Das geistige Niveau spielt heute ohnehin kaum eine Rolle, denn Applaus ist sicher, wer seine Beschränktheit offen zelebriert.

Das Schmerzlichste an der modernen Welt ist, dass die Dummen todsicher und die Intelligenten voller Zweifel sind.“ Bertrand Russel Mathematiker und Philosoph 1872-1970

Wenn auch dieser Effekt im Mainstream verbreitet zu sein scheint, so muss betont werden, das nicht alle vermarkteten Experten inkompetent sind. Im Gegenteil. Sie verwenden ihre Ideologien nur als Rationalisierung, um ihre eigenen Ziele zu verfolgen und unpassende Fakten – bewusst oder unbewusst – zu übergehen. Dabei ist das sammeln von Fakten durch das Internet heute einfacher denn je. Die größte Schwierigkeit besteht darin, eine Mülltrennung der erhältlichen Informationen vornehmen zu können und die Ergebnisse in ein Gesamtbild einzuordnen. Neben der Mündigkeit ist aus meiner Sicht ein gewisses Maß an Bildung dafür die Voraussetzungen. Mit Bildung meine ich nicht abfragbares Wissen, sondern eine geistige Haltung, die man im Umgang mit Informationen pflegt.

Der Schein als Schein

Ein interessanter Faktor für den Aufbau von einem Experten-Image ist die Auflistung zahlreicher Qualifikationen oder Zertifizierungen, was gerade in der Fitnessbranche sehr beliebt ist, weil es schlichtweg Eindruck macht. Hier ist jedoch anzumerken, dass es sich dabei genau genommen um nichts anderes handelt, als eine Ware, die jeder für Geld kaufen kann. Ich war 4 Jahre lang selbst Teil dieses Systems und kenne die Interna. Man kann dabei nicht wirklich durchfallen. Zumindest nicht auf Dauer, denn man hat ja als Kunde Geld für den Schein bezahlt und möchte anschließend auch das Endprodukt haben. Man erwirbt somit einen „Schein“, den man zur Eigenvermarktung nutzt. Das Wort „Schein“ hat jedoch mehrere Bedeutungen. Selbstverständlich ist in der heutigen Zeit auch jegliche andere Form der „Schein-Qualifikation“ kein Gütemaßstab für Fachkompetenz, weder ein Hochschulstudium, noch jegliche sonstige Ausbildung. Jemand der Sport studiert hat, ist nicht automatisch ein guter Trainer oder Sportwissenschaftler. Ein Autodidakt, eine Person mit jahrzehntelangem Erfahrungswissen kann ein wahrer Top-Experte in seinem Feld sein, ohne jemals eine Schulbank gedrückt zu haben. Einige Bildungskritiker bezweifeln daher auch, ob z.B. die Alphabetisierungsrate eines Landes ein Maßstab für das Bildungsniveau sein kann. Anders ausgedrückt: Was nützt es mir Lesen zu können, wenn ich nur Schwachsinn lese?

Der Instant-Experte

Wie kann man Experte auf einem Themengebiet sein, ohne auf einen langjährigen Erfahrungshorizont zurückblicken zu können? Die Wahrnehmung von „lange“ oder „langjährig“ hat im digitalen Zeitalter, wo die Meldung von heute schon in wenigen Tagen keinen mehr interessiert, sicherlich eine völlig andere Bedeutung, so dass Biografien, Geschichte, kurzum alle zeitlichen Verläufe, uninteressant werden. Die Informationsflut hält uns im „Hier und Jetzt“. Wenn man bedenkt, dass es auf der FIBO 2010 gerade mal einen einzigen Stand zum sogenannten „Funktionellen Training“ gab, noch keine einzige CrossFit Box in Deutschland existierte, kein Faszien-Fieber die Leute in Atem hielt und nahezu keine „Experten für Funktionelles Training“ herumgeisterten, dann ist die explosionsartige Vermehrung von „Fachleuten“ auf Themenfeldern, die in der Fitnessindustrie bis vor kurzer Zeit in Deutschland noch gar nicht existiert haben, höchst beeindruckend. Man fragt sich, was diese Experten denn vorher gemacht haben und wie sie so schnell zu ihrer tiefgreifenden Fachkompetenz aktuellen Trendwelle kommen konnten.

Theodor Adorno – einer der größten Sozialphilosophen des 20. Jahrhunderts – kann uns hier vielleicht mit seiner Theorie der Hablbbildung weiter helfen: „[D]er Halbgebildete weiß leicht über alles Bescheid und vergißt ebenso leicht: ihm fehlt die Muße, es mangelt ihm an Stärke der Erinnerung, Erfahrung von Fremdheit, ein ‚lebendiger‘ Zugang zur Kunst, Verinnerlichung von Geistigem“.

Hendrik Stammermann fügt in der „kritischen Ausgabe 1/1999“ hinzu: „Angesichts dieser Aussage wird man sich unweigerlich an den  Massenimport amerikanischer Talkshows (oder Fitness-Ideologien, Anm. d. Verf.) erinnert fühlen: Anekdotenhaftes, autobiographisches Wissen, die Stimme eines ‚Experten‘; die tagtägliche Ausstrahlung solcher Sendungen (Internetmedien, Anm, d. Verf.) machen die Verarbeitung des Rezipierten im Sinne eines Humboldtschen Lernens unmöglich. Uninformiertheit, Inkompetenz und Ignoranz herrschen vor, doch reden möchte jeder: Ist Wissen hier auch noch Macht?“.

Mit Humboldtschem Lernen meint Stammermann das humanistische Bildungsideal, dass im Gegensatz zum erwerb- und abfragbares Wissen, persönlichkeitsrelevant sein muss. Ein Beispiel: Nur weil man eine Menge Tricks und Techniken auf Fortbildungen lernt, verändert man noch lange nicht seine geistige Haltung oder seine Art zu denken und zu handeln.

Ich habe die Lösung

Würde ich hier Auswege anbieten, wäre ich nicht besser als der Experte, der für jedes Problem eine passende Lösung parat hat. Mit Vorgaben oder Masterplänen würde ich die Unmündigkeit nur weiter vorantreiben und keinen Beitrag zum selbständigen Denken und Handeln leisten. Warum ist dies nun so schwierig? Nehmen wir einmal an, du hast dich stets konform nach Werbung und Expertenratschlägen verhalten, etwa so:

Ich sage „Ja“ zu Waschbrettbauch und Knackarsch in 4 Wochen, ich sage „Ja“ zu Fitness DVDs und straffen Faszien, sage „Ja“ zur neuen Ernährungsweise und geheimen Trainingsmethoden, sage „Ja“ zu Promi-Trainern und Killer-Workouts, sage „Ja“ zu Performance und Facility Design, sage „Ja“ zu fundamentalen Bewegungsmustern und Korrekturstrategien, sage „Ja“ zu Level 1 bis 10 und Mega-Events, sage „Ja“ zu Allem, was die Fitnessindustrie mir vor die Nase setzt.

„Ninety-five percent of the people in the world need to be told what to do and how to behave“ (Butler/Schwarzenegger, 1990)

Der Habitus des „Ja-Sagens“ ist das Ergebnis unserer lebenslangen Sozialisierung. Wir haben gelernt, dass mit Konformität und Kooperation mehr (oder zumindest leichter) etwas erreichen kann, als mit Skepsis. Stimmt ja auch. Der selbe Aspekt macht es jedoch der (unbewussten) Manipulation so leicht Anhänger zu finden. Jemand, der sein gesamtes (Fitness-)Wertegerüst auf den obigen Beispielen aufgebaut hat, wird dies nicht von heute auf morgen ändern, da dieses Wertegerüst der Person Halt und Orientierung gibt. Ein abruptes Loslassen würde einem Fall ins Bodenlose gleichkommen, daher ist dies schon aus dem Schutz der persönlichen Integrität gar nicht möglich.

Das Erkennen von Täuschungen ist also ein Prozess, den man auch als „Ent-Täuschung“ bezeichnen kann. Scheinbar ist die Enttäuschung eine Notwendigkeit im Erkenntnisprozess. Dabei ist nicht einmal garantiert, dass die nächste Erkenntnis, später nicht auch zur Enttäuschung wird. Wer also Garantien fordert, Fertigprodukte benötigt, keine Zeit hat, es schnell gehen muss, der Werbung glaubt, hat optimale Voraussetzungen zum allgegenwärtigen Schwindel folgsam „ja“ zu sagen. Es wäre doch mal interessant, wenn die Fitnessindustrie sagen würde: „Bitte gehe weiter, es gibt hier nichts zu sehen, es gibt keinen Trend, es gibt nichts Neues, außer die x-te Wiederholung von etwas Altbekanntem in neuer Verpackung“.

Den abschließenden Hinweis kann uns noch einmal Immanuel Kant geben, der in Zeiten des digitalen Informations-Overkills bedeutsamer denn je erscheint: „Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines andern zu bedienen. Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen, ist also der Wahlspruch der Aufklärung“.

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