Funktionelles Training im Fokus

Durch den Fitnesstrend des „Funktionellen Trainings“ lassen sich seit geraumer Zeit immer mehr fragwürdige Erklärungsversuche zu diesem Begriff feststellen. In diesem kurzen Beitrag wollen wir uns kritisch mit dem neuen Trend(Wort) auseinandersetzen.

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In „funktionell“ bzw. „Funktionalität“ steckt jeweils der Begriff „Funktion“. In Bezug auf Bewegung lässt sich „Funktion“ am besten mit „Tätigkeit“ beschrieben. Ohne konkreten Bezug ist „Funktionalität“ jedoch ein bedeutungsloses Wort. Sinngebend kann „Funktionalität“ daher nur in einem spezifischen Zusammenhang verwendet werden. In der Sportpraxis ist dieser Zusammenhang vornehmlich durch eine Wirksamkeit hinsichtlich spezifischer Zielsetzungen charakterisiert. Diese Zielsetzungen können wiederum unterschiedlichen Zwecken dienen.

Tabelle 1: Beispiele von unterschiedlichen Zielsetzungen und Zwecken im Sport

 Ziel Zweck 
Förderung der Gesundheit Verbesserung des Wohlbefindens
Leistungssteigerung Soziale Anerkennung

Figurverbesserung

Steigerung des Selbstwertgefühls

Bewegung Spaß / Wohlbefinden

Aus sportwissenschaftlicher Sicht hat Funktionalität also weder etwas mit dreidimensionalem Training, Gleichgewicht, Wiederholungen, der Auswahl bestimmter Trainingsgeräte oder Übungssysteme zu tun. Wenn beispielsweise das Ziel Muskelaufbau an den Armen ist, können auch Curls an der Bizepsmaschine als funktionelle Übung bezeichnet werden. Somit ist auch klassisches Bodybuildingtraining funktionelles Training, wenn das Ziel eine Muskelquerschnittszunahme ist.

Im Sport bedeutet Funktionalität Spezifität

Die Trainingslehre würde Funktionalität als Anforderungsorientierung beschreiben und Funktionelles Training als aufgabenspezifisches Training bezeichnen. Die Grundlage dafür ist zum einen das strukturierten Anforderungsprofil der jeweiligen Sportart genau zu kennen und zum anderen die individuellen Voraussetzungen des Athleten darauf abzustimmen. Funktionell ist hier alles, was zu einer Leistungsverbesserung führt.

Das Prinzip der zunehmenden Spezialisierung und das Prinzip des langfristigen Leistungsaufbaus sind in diesem Zusammenhang die übergeordneten Handlungsanweisungen. Praktische Konsequenz: Je höher die Qualifikation des Athleten, desto spezifischer müssen die Trainingsinhalte sein, um noch leistungssteigernde Effekte zu bewirken.

Die Bewegungslehre beurteilt spezifische Aufgaben unter 5 verschiedenen Aspekten (nach GÖHNER):

  • Bewegungsziele: Erreichungsziele, Erhaltungsziele, situative Bewältigungsziele, Formziele und Vergleichsziele (Zeitminimierung, Treffermaximierung, Gestaltoptimierung)
  • Bewegerattribute: natürliche Beweger, instrumentell unterstützter Beweger, partnerunterstützter Beweger, gegnerbehinderter Beweger,…)
  • Movendumattribute: Art des bewegten Sportgeräts, Standardisierung des Sportgeräts
  • Regelbedingungen: konstitutive Regeln, strategische Regeln
  • Umgebungsbedingungen: Bewegungsraum (Wasser, Luft, Rasen, Halle)

 

Der Begriff „Funktionelles Training“ in der Fitnessbranche

In der Fitnessbranche werden die oben besprochenen Begriffe in einem anderen Zusammenhang verwendet. Dazu muss man sich ins Gedächtnis rufen, dass die Wurzeln der heutigen Fitness- und Gesundheitsindustrie aus dem Bodybuilding der fünfziger Jahre entsprungen sind. Der Löwenanteil der Trainingsmethoden stammt hier auch heute noch aus dem Bodybuilding. Krafttrainingsgeräte sind Produkte echter Innovationskraft der „Goldenen Ära des Bodybuildings“, deren Welle Anfang der achtziger Jahre auch Deutschland erreichte und die Erben von Turnvater Jahn in den nächsten Jahrzehnten nachhaltig beeinflussen sollte.

Mit dem Begriff „Funktionelles Training“ hat die Fitnessindustrie seit kurzem Trainingsformen aus dem Sport für sich entdeckt, die meist ohne einen spezifischen Zusammenhang in Form eines Produktes angeboten werden. Begriffe wie „dreidimensional“, „Stabilität“, Mobilität“, „Koordination“, „Gleichgewicht“ werden hier als Qualitätsmerkmal verwendet. Eine Spezifik fehlt hier jedoch. Die Begriffe allein suggerieren bereits einen besonderen Mehrwert. Die Entdeckung, dass es im Sport nicht um Muskeln, sondern um Bewegung geht, kann vor dem geschichtlichen Hintergrund der Branche also durchaus als Novum gelten.

Homo oeconomicus triff auf Homo sapiens

Mit gekonntem Handwerk kann die Functional-Training-Industrie nun zeigen, was man alles aus dem Wort „Funktionsgymnastik“ herausholen kann, wenn man die Marketingklaviatur nur richtig beherrscht. Welcher Trendsetter will schon an einer Sprossenwand trainieren, wenn er eine Gladiator Wall® haben kann. Wer will schon beim THW Sandsäcke für Geld schleppen, wenn er beim Sandbag-Workout auch dafür bezahlen kann? Wer wäre nicht stolz das härteste Workout der Welt gemeistert zu haben oder so zu trainieren wie ein echter Warrior mit giftigen Trainingsgeräten wie einer Cobra ode so ähnlich.

Während es im Sport um Inhalte geht, transportiert die Functional-Training-Industrie ein inszeniertes Trainingserlebnis in das Gehirn des Konsumenten. Das Gefühl wie ein Top-Athlet zu trainieren, schmeichelt dem Ego sicherlich mehr, als für Mutti die Einkaufstüten zu tragen oder für Opi den Rasen zu mähen. Dieser Matrix-Effekt ist für bestimmte Zielgruppen wirksam, für andere wiederum nicht. An der Universität Bonn gibt es beispielsweise samstags einen Kurs „Konditionsgymnastik“, der jede Woche etwa fünfzig Teilnehmer in die Turnhalle zum Zirkeltraining zieht – ganz ohne „Fitness-Neusprech“. Offensichtlich scheint diese Zielgruppe mehr auf Inhalte zu schauen als auf Außendarstellung. Auf der anderen Seite ist die Bedeutung der Außendarstellung nicht zu verteufeln, dient sie doch für manche Zielgruppen als effektives Instrument der Identitätsbestimmung und der Steigerung des Selbstwertgefühls.

Daher ist eine gute Vermarktung immer zu befürworten, sofern auch eine inhaltliche Substanz hinter den beworbenen Konzepten steckt. Welche Nachhaltigkeit können wir jedoch von Konzepten erwarten, deren Intention darin besteht, schnell viel Geld zu verdienen? Welches Ziel wird verfolgt, wenn man alten Wein in neue Schläuche füllt? Welche Stellung hat der Mensch in einem System, dass ihn nur als Konsumenten sieht, der den nächsten Kauf tätigen soll? Ist es wirklich so cool, wenn man einem industriell hergestellten Trend folgt, papageienhaft Markenbotschaften wiederholt und seine Individualität verliert? Aus Sicht der (Fitness)-Industrie sind wir, die Konsumenten, das Berechenbarste, was man sich vorstellen kann.

Schlußfolgerungen

Im ursprünglichen Sinne ist der Begriff „Funktionelles Training“ ein Synonym für Zweckgymnastik. Bis vor wenigen Jahrzehnten wurden diese Trainingsformen vor allem durch die Bildungsarbeit der DDR systematisiert und perfektioniert. Eine Kostprobe erhält man z.B. in Manfred Scholich’s Klassiker Kreistraining. Die physiotherapeutischen Einflüsse lassen sich größtenteils auf die Definition und Inhalte der„Funktionsgymnastik“ aus den 1980er Jahren zurück führen.

Was am „Funktionellen Training“ wirklich neu ist, ist die professionelle Vermarktung nach US-amerikanischem Vorbild. So lässt sich eindrucksvoll beobachteten, wie die Marketingsupermacht USA in Deutschland mit Re-Importen zum Erfolg kommt, die vor allem wirtschaftlichen Zielen dienen. Diese Entwicklung wird Hierzulande einerseits durch den Verlust unseres Geschichtsbewusstseins begünstigt, was aus meiner Sicht ein Indiz für den allgemeinen Mangel an Bildung darstellt, zum anderen ist die damit verbundene Oberflächlichkeit* ein typisches Kennzeichen der kulturellen Produkte unserer globalisierten Welt. Wir haben gelernt, den Dingen nicht mehr auf den Grund zu gehen, uns mit einfachen Antworten zufrieden zu geben, zu konsumieren, „Ja“ zu sagen.. Der Entertainmentcharakter hat einen höheren Stellenwert, als der wahre Kern.

Nicht Funktionelles Training – Kommerzielles Training!

Man könnte doch vielleicht einmal versuchen den Bayern auszureden ihr Weißbier zu brauen, um dann zehn Jahre später eine neue Getränke-Erfindung aus den USA zu importieren, das sogenannte „Wisebeer“. Natürlich muss man den Bayern erst mal zeigen, wie man es richtig braut, selbstverständlich in Form einer „Wisebeer-Certification“. Wer die absolviert, darf sich offiziell als „Wise Guy“ bezeichnen.

Wenn das Gestern schon heute Niemanden mehr interessiert, ist es kaum verwunderlich, dass man mit Wiederholungen so leicht „Neues“ aus dem Hut zaubern kann. Nachhaltigkeit, persönliche Identität und Bildung sind unter großem Beifall der Amerikanisierung zum Opfer gefallen. Daher wollen wir lieber nicht zu große Ansprüche stellen: Was die Vermeidung von definitorischen Fehlgriffen wie beim Begriff „Funktionelles Training“ angeht, würde es bereits ausreichen die deutsche Sprache wieder ernst zu nehmen.

*Mehr zum Siegeszug der Oberflächlichkeit gibt es im Artikel „Warum kluge Trainer dumme Dinge glauben“ in unserem eMagazin.

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