Leistungsreserven im Schnellkrafttraining und das Sportwunder DDR

Dieses Buch hat sporthistorische Bedeutung. Kurz nach dem Fall der Mauer erschienen, repräsentiert dieses Werk den letzten Stand an sportwissenschaftlicher Forschung und praktischen Erfahrungen einer der erfolgreichsten Sportnationen der Welt. Mit diesem Buch dürfte wohl auch das Ende des legendären Sportverlag Berlin besiegelt gewesen sein, der seinerzeit in vielen Büchern die geballte Kompetenz des DDR-Sports repräsentierte.

Leistungsreserve_Schnellkraftraining1988 in Seoul war das letzte Mal, bei der eine DDR-Mannschaft olympischen Boden betrat. Mit 102 Medaillen und 37 Olympiasiegen lies ein Land mit nur etwa 16 Millionen Einwohnern sogar die USA im Medaillenspiegel hinter sich und demonstrierte damit eine bis heute unerreichte Leistungsdichte.

Was mich persönlich an diesem Buch fasziniert hat, sind weniger die sportfachlichen Inhalte, sondern vielmehr der Einblick in die Arbeitsweise im DDR-Hochleistungssport. Hier ist vor allem die außerordentliche Infrastrukur mit Ihrer engen Verquickung von Wissenschaft, Praxis und Lehre zu nennen. Man bekommt einen guten Eindruck davon, wie akribisch die sportliche Leistungsfähigkeit von den DDR-Trainingswissenschaftlern analysiert und in neue Zielsetzungen umformuliert wurde. Es wird deutlich unter wie vielen Details die sportliche Leistungsfähigkeit beleuchtet, und Stück für Stück zu einem Mosaik zusammengesetzt wurde. Wie es sich für seriöses wissenschaftliches Arbeiten gehört, wurde auch nicht mit Selbstkritik gespart und es wird gnadenlos auf Defizite und Leistungsreserven hingewiesen, denen sich der DDR-Sport zur damaligen Zeit stellen sollte, um auch weiterhin international erfolgreich zu bleiben. Von Eitelkeiten und Selbstbeweihräucherung keine Spur.

Inhalte

Der Sammelband wartet mit verschiedenen Themen zum Schnellkrafttraining auf, welche Trainingsstrategien mit Beispiellösungen veranschaulichen, die von unterschiedlichen Experten in spannender Praxis und anschaulicher Theorie verdeutlicht werden. Wie weit man im Leipziger Forschungsinstitut für Körperkultur und Sport (FKS) zu dieser Zeit bereits war, zeigt sich in den bearbeiten Themenstellungen. So beschäftigte man sich intensiv mit der Umsetzungsproblematik von allgemeinen Maximalkraftübungen auf Wettkampfübungen und propagierte eine höhere Spezifik des Krafttrainings im Hinblick auf die eigentliche Zielsetzung.

Der Faktor Belastbarkeit – heute immer noch ein Problem im Spitzensport – wurde bereits Ende der achtziger Jahre als Top-Leistungsreserve gesehen, um die Verletzungsanfälligkeit zu senken. Sinnigerweise wurde hier die Trainingsmethodik in Frage gestellt, bei der auch das heute boomende Thema Bindegewebe eine Rolle spielte.

Bemerkenswert ist zudem der Hinweis auf Defizite beim Thema Bewegungsqualität und Bewegungsregulation. Hierbei geht es um die Praxis des motorischen Lernens und um die Forderung nach effektiveren Methoden der Herausbildung von Bewegungsprogrammen im Gehirn.

„Entstehen die richtigen Bilder im Kopf von selbst, wenn die Bewegung perfekt beherrscht wird, oder sind die richtigen Bilder im Kopf Voraussetzung, damit die Bewegung perfekt ausgeführt werden kann?

Insgesamt erhält der Leser erhält einen guten Einblick in den breiten Fundus an Arbeitsschwerpunkten aus den Lauf-/Sprung-/Wurf-/Stoß-Disziplinen, sowie dem Gewichtheben und Skispringen.

Politische Brisanz und Siegerjustiz

Neben sportlichen Aspekten enthält dieses Werk auch politische Brisanz. Mit dem Zusammenbruch der DDR fiel der BRD mit einem Schlag das gesamte trainingswissenschaftliche Know-How des „Klassenfeindes“ in die Hände, welches vor allem durch das Herzstück der Leistungssportforschung, das oben erwähnte FKS in Leipzig repräsentiert wurde. Im Vorwort dieses Buches darf der Leser daher auch Zeuge der Kritik am Umgang und der Abservierung des FKS werden. Eine Kritik, die auch von anderen Beteiligten des DDR-Sportsystems geteilt wurde und unweigerlich zum Thema des Sporterbes der DDR führt, was eine andere äußerst spannende Geschichte ist.

Deiß, D. & Pfeiffer, U. (1991). Leistungsreserven im Schnellkrafttraining. Berlin:Sportverlag

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