Wissen ist Macht – Nichts wissen macht auch nichts?

Leider lässt sich in der Praxis oft feststellen, dass viele Trainer nicht genau wissen, was der Unterschied zwischen einer Studie, einer Metaanalyse, einer Expertenmeinung und einer Werbeaussage vom Hersteller ist. Begleitend zur ersten Ausgabe des neuen Eisenklinik Wissenschaftsmagazins habe ich diesen Beitrag dem Thema evidenzbasierte Trainingsempfehlungen gewidmet.

Haben Sie unspezifische Rückenbeschwerden? Wahrscheinlich sollten Sie Ihre Kraft in der Rumpfmuskulatur verbessern oder auch Ihre Beweglichkeit. Kann aber auch sein, dass Sie Ihre Propriozeption verbessern sollten, ein Kinesiotape – aber nur ein blaues – könnte auch helfen. Eine Akkupunktur am richtigen Meridian ist sicher auch nicht ganz verkehrt. Vielleicht sind Sie insgesamt viel zu „sauer“ und müssen zuerst einmal ein paar Basenbildner essen, damit Ihr Bindegewebe sich normalisiert. Möglicherweise wurden Sie als Kind aber auch zu heiß gebadet und haben Ihren Urgroßvater in Unterhosen gesehen, wodurch sich eine eingeschlossene Emotion gebildet hat, die jetzt auf Ihre Spinalnerven drückt.

Klingt alles mehr oder weniger einleuchtend oder eben auch nicht, aber wen soll man da fragen, den Heilpraktiker, Fitnesstrainer, Arzt oder doch besser die Großmutter, sozusagen aus Erfahrung gut? Was im Moment noch spaßig klingt, ist für viele Menschen in der Medizin, Ernährung und eingeschränkt beim Training die Realität und teilweise von immenser Bedeutung, denn was macht man, wenn man Rückenbeschwerden hat oder wenn man abnehmen möchte? Zu viele Informationen, zu viele Experten, zu viele versteckte Interessen. Zum Glück steht im Fitnessbereich – anders als in der Medizin – kaum ein Menschenleben auf dem Spiel und eine falsche Trainings- oder Ernährungsempfehlung kostet den Kunden eben nur Zeit und Geld. Ich weiß nicht wie es Ihnen dabei geht, aber mich ärgert das. Mich ärgern falsche Empfehlungen, egal von wem sie kommen. 

Evidenzbasierte Medizin – ein Ansatz für die Trainingslehre

Wie eben geschrieben können falsche Empfehlungen, sprich falsche Behandlungen in der Medizin um einiges schlimmer ausgehen als im Sportbereich. Aus diesem Grund gibt es in der Medizin seit den 90er Jahren verstärkte Bemühungen das medizinische Handeln mittels wissenschaftlicher Methoden zu überprüfen, um dadurch die bestmöglichen Behandlung des Patienten abzuleiten.

Das Schlagwort hierzu lautet Evidenzbasierte Medizin (EBM, die „auf empirische Belege gestützte Heilkunde“). In der EBM geht es darum, dass die Behandlung von Patienten nach Möglichkeit auf der Grundlage von empirisch nachgewiesener Wirksamkeit ausgewählt werden soll. Ganz nebenbei gesagt ist die Idee nicht neu, sondern taucht schon in der Bibel auf. Dort schlägt Daniel einem Aufseher einen Versuch mit zwei unterschiedlichen Ernährungsformen vor (Buch Daniel 1, 11-16).

Durchblick behalten und nicht alles durch die rosarote Brille sehen

rosarote brilleWäre es da nicht nur konsequent, wenn wir auch im Trainings- und Ernährungsbereich unsere Empfehlungen wissenschaftlich prüfen, wenn möglich absichern und auch offen zugeben, wenn wir im Moment keine definitive Antwort haben? Leider lässt sich in der Praxis aber oftmals feststellen, dass viele Trainer, Therapeuten, etc. gar nicht genau wissen, was evidenzbasiert überhaupt meint, wie sich verschiedene Studien einordnen lassen und was der Unterschied zwischen einer Studie, einer Metaanalyse, einer Expertenmeinung und einer Herstellerwerbeaussage ist. Das ist jetzt vielleicht etwas überspitzt ausgedrückt, trifft aber den Kern der Sache.

Aus diesem Grund gehen wir in diesem ersten Teil zuerst einmal darauf ein, woher wir unser Wissen bzw. Erkenntnisse gewinnen und gehen in den folgenden Teilen dann etwas genauer auf die EBM ein.Der Aussage: „Wissen ist Macht!“, stimmen wahrscheinlich viele Menschen zu. Ganz besonders dann, wenn es um so wichtige Dinge wie Gesundheit oder Prävention geht. Eine Frage, die selten gestellt wird ist, wie wir in der Fitness- oder Präventionsbranche zu unserem Wissen kommen. Als mögliche Antworten kommen dabei Tradition, Experten, Versuch/ Irrtum und Wissenschaft in Frage. Wahrscheinlich ist es eine Kombination aus den verschiedenen Möglichkeiten.

Traditionelles Wissen – Bewährt gleich gut?

Tradition ist dabei wohl die elementarste Form des Wissens. Man nimmt an etwas sei wahr, weil es schon immer so praktiziert wurde. Das bedeutet jetzt keineswegs, dass diese Art des Wissens schlecht sein muss, jedoch würden wir heute wahrscheinlich immer noch glauben die Erde ist eine Scheibe um die sich die Sonne dreht. Was hat das mit Training zu tun? Machen im Kraftbereich nicht viele Trainierende drei Sätze á zehn Wiederholungen, weil man es eben so macht? Gäbe es vielleicht bessere Alternativen? Vielleicht, aber die Tradition kann dafür sorgen, dass man erst gar nicht nach anderen Antworten sucht, oder aber, dass die Antworten die man findet einem nicht gefallen. War es nicht traditionell so, dass Stretching Verletzungen verhindert sollte. Ist es nicht auch heute noch teilweise so, dass als Begründung für Stretching eben diese – bereits mehrfach widerlegte – Verletzungsprävention herangezogen wird? Um jetzt nicht falsch verstanden zu werden: Ich bin keinesfalls gegen Traditionen, besonders dann nicht, wenn man keine bessere Wissensquellen hat. Jedoch sollte man traditionelles Wissen nur dann anwenden, wenn es keine anderen Quellen des Wissens gibt. 

Die Experten wissen Bescheid

Experten egal wie unterschiedlich der Bereich ihrer Expertise auch sein mag, haben meist eine Gemeinsamkeit: Eine unglaubliche Zuversicht, dass sie mit ihrer Meinung richtig liegen. Wahrscheinlich tun sie das meist auch öfter als Nichtexperten, aber gerade im Bereich Gesundheit und Training sollte man bei einer Expertenmeinung eine skeptische Grundhaltung einnehmen. Zum einen braucht es um als Experte im Fitnessbereich zu gelten, oftmals nicht einmal einer formalen Ausbildung. Zum anderen unterliegt jeder Experte – so wie jeder andere Mensch auch – psychologischen Wahrnehmungsfehlern, Verzerrungen und Begrenztheiten.

Beispielsweise war Dr. Benjamin Spock in den fünfziger Jahren einer der führenden Kinderärzte im englischsprachigen Raum. Sein Buch „Baby and Child Care“ war das Standardwerk für Ärzte und Eltern. Dr. Spock sprach sich in seinem Buch dafür aus, Babys in Bauchlage schlafen zu lassen, weil so die Gefahr an Erbrochenem zu ersticken sehr klein sei. Klingt sehr vernünftig und wenn ein Experte auf seinem Gebiet das sagt, muss es ja wahr sein. Leider nicht, denn spätere Studien stellten fest, dass gerade die Bauchlage das Risiko für den plötzlichen Kindstod erhöht. Wie viele Tote Kinder die Expertenempfehlung verursacht hat ist nicht bekannt, aber Schätzungen gehen in die Tausende.

Was lernen wir daraus? Auch Experten können ganz schön daneben liegen. 

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